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Prosa


 

Der helle Schein des Mondes

Es war ein langer Tag. Ein trauriger Tag. Johann von Stockh hatte seinen Sohn zu Grabe getragen. Der erst 17-jährige Karl war sein ganzer Lebensinhalt gewesen, nachdem Johanns Frau Magdalena vor 5 Jahren ganz plötzlich durch eine schwere Lungenentzündung aus dem Leben gerissen worden war.

Schon damals war Johann sehr verzweifelt. Ohne Magda, wie er sie nannte, wollte er nicht mehr weiterleben – aber er hatte ja noch Karl. Wer sollte sich um ihn kümmern, wenn auch er nicht mehr wäre?

Er dachte an die Lebensfreude seiner Frau, die Zuversicht, die sie stets ausstrahlte. Dann wusste er, für sie muss er weitergehen.

Er hatte schon immer ein gutes Verhältnis zu Karl; doch seit dem Tod der Mutter wurde die Vater-Sohn-Beziehung noch enger. Der einzige Nachkomme der Familie von Stockh war von einem angenehmen Äußeren, hatte ein fröhliches Gemüt und in der Schule keine Probleme. Später wollte er ebenfalls Gutsherr werden und es selbst verwalten, wie er es von seinem Vater kannte.
Er kümmerte sich schon früh um die Pferde, hatte einen guten Kontakt zum Dienstpersonal und half mit, wo er gerade gebraucht wurde.
Johann von Stock war stolz auf seinen Sohn. Er wirkte trotz seines Alters schon sehr reif und handelte selten unüberlegt.

Nie hätte Johann es für möglich gehalten, dass der Sohn beim Umgang mit den Pferden auch nur den geringsten Schaden davontragen könnte.

Doch es ist passiert. Was genau geschah, wusste niemand. Der Stalljunge Max hat ihn im Pferdestall gefunden. Esta, die Stute, stand friedlich neben ihm, aber Karl lag am Boden und war tot. Er hatte eine blutende Wunde am Kopf. Ob er unglücklich gestürzt war oder ob er von Esta einen Tritt 
bekommen hatte – keiner konnte dies sagen.

Als man Johann von Stockh informierte, konnte er es nicht glauben. Er eilte zum Stall und kniete bei seinem toten 
Jungen nieder. Er sprach zu ihm, er schrie ihn an, er streichelte ihn, ja, er schüttelte ihn, aber Karl blieb leblos am Boden liegen.

Der Stalljunge hatte die Stute Esta inzwischen nach draußen gebracht.

Johann blieb eine ganze Weile regungslos neben Karl knien, bis Rudolf kam, ihm hoch half und ihn einfach in den Arm nahm.

Rudolf war der Kutscher, zu dem Johann seit jeher eine freundschaftliche Beziehung hatte, weil sie zusammen groß geworden sind. Er, der Sohn des Gutsherren Karl-Johann von Stockh und Rudolf, der Sohn des alten Kutschers Richard. Sie wuchsen fast wie Geschwister auf und der Standesunterschied war für beide nie ein Thema.

In diesem traurigen Moment tat es gut, wenn man einen Freund wie Rudolf hatte. Johann von Stockh schien endgültig gebrochen. Der Verlust der geliebten Gattin war für ihn schon schlimm, aber der Tod des einzigen Sohnes Karl war unerträglich. Rudolf umarmte ihn nochmals und Johann 
weinte.

Inzwischen ist der Sohn unter der Erde. Die Beerdigung war sehr bewegend. Alle Freunde und Bekannte von Karl waren gekommen, um Abschied von ihm zu nehmen. So viele junge Menschen. Johann stellte sich die unweigerliche Frage: 
Warum gerade mein Karl? Gleichzeitig tröstete ihn aber auch die Anwesenheit dieser jungen Leute; sagt dies doch aus, dass Karl beliebt war und das ist für Eltern auch immer wichtig.

Am Abend war Johann allein; die letzten Gäste des Leichenschmaus’ waren schon lange gegangen. Es herrschte Totenstille im großen Haus. Alle Bediensteten hatten sich zurückgezogen, um ihren Herren nicht zu stören.

Johann von Stockh aber war diese Stille zu viel. Er hielt es nicht mehr aus im Haus. Er nahm Hut, Umhang und Spazierstock und ging hinaus, vorbei am Nebengebäude, in dem Rudolf wohnte und den schwarzen Schatten von Johann in Richtung Wald vorbeieilen sah. Er folgte ihm.

Als Johann die Anhöhe erreicht hatte, blieb er bei dem uralten Baum stehen, der mit seinen knorrigen Ästen und Wurzeln Zeugnis davon gab, dass auch er schon schweren Stürmen getrotzt hatte, blieb Johann stehen. Rudolf, der ihm bis dahin immer in einem gewissen Abstand gefolgt war, ging zu ihm. Johann war nicht überrascht. Für ihn war es angenehm, mit Rudolf zusammen schweigend dazustehen und in den hellen Mond zu schauen.

Rudolf legte seinen Arm auf Johanns Schulter und sagte leise: „Schau den hellen Schein des Mondes. Nur in der tiefen Nacht können wir die Leuchtkraft des Mondes erkennen. Die Dunkelheit der Trauer ermöglicht es, das Licht der geliebten Verstorbenen wahrzunehmen und ins Herz zu schließen, wo es nie erlischt. So wie der Mond, der auch dann leuchtet, selbst wenn wir ihn am Tag nicht sehen.“

 

März 2004


 

Benjamin - eine wahre Geschichte

Ich bin Benjamin, ein Igeljunge und möchte von meinen ersten aufregenden Lebenswochen erzählen. Zunächst verlief alles recht unauffällig. Ich wurde Anfang August geboren, was für Igelgeburten eine absolut übliche Zeit ist. Meine Mama lebte damals unter einem Holzgestell, das mit allerlei Dingen umgeben und mit einer riesigen Plane abgedeckt war. Ich kann mich daran nur sehr schwach erinnern, denn ich war noch keine zwei Wochen alt, als ich diesen Zufluchtsort verließ.

Meine Mama sorgte richtig gut für mich. Ich konnte immer zu ihr kommen, wenn ich Hunger hatte und bekam von ihr – wie alle Babys von ihrer Mutter – sehr nahrhafte Milch. 

Ob ich noch weitere Geschwister hatte oder nicht, weiß ich nicht mehr. Aber das ist ja auch egal – schließlich hält es unsereins sowieso nicht lange in Gesellschaft aus.

Meine Mama war tagsüber immer zu Hause; nur nachts verließ sie für einige Stunden unsere Unterkunft, um sich selbst etwas zum Fressen zu suchen. Solange wir klein sind, fällt dies auch gar nicht auf, denn wir schlafen nachts noch sehr viel. Eines Morgens jedoch wachte ich auf und meine Mama war nicht da. Ich hatte Hunger und schrie, aber sie kam nicht. Ich wartete und wartete und mein Hunger wurde immer größer, aber meine Mama kam einfach nicht nach Hause. Ich hatte wohl einige Tage tapfer und hungrig gewartet und gehofft, dass sie vielleicht doch wieder kommen würde, aber als mein Hunger vom vielen Schreien und Warten schließlich so groß war, dass ich fast nur noch vor hindämmerte, verließ ich zögerlich meinen Unterschlupf.

Ich war sehr schwach und wusste nicht, ob ich meine Augen noch nicht aufbekommen konnte, weil ich noch zu klein war, oder ob ich sie nicht mehr aufbekam, weil ich schon zu schwach war. So krabbelte ich vor mich hin und suchte verzweifelt etwas zum Fressen. Ich fand einfach nichts. Stattdessen entfernte ich mich immer weiter von dem geschützten Ort unter dem Holzgestell und purzelte letztlich einen guten halben Meter tief auf völlig ausgetrockneten Boden. Dort gab es erst recht nichts Fressbares und auch nichts Flüssiges zum Trinken.

Es war sehr heiß in diesen Tagen und ich wurde immer schwächer. Eines Abends geschah es dann: Menschen haben mich entdeckt. Sie wussten nicht so recht, was sie mit mir machen sollten. Scheinbar hatten sie noch niemals so etwas wie mich näher gesehen. Vielleicht schreckte sie zunächst auch mein Aussehen ab. Denn obwohl ich noch keine drei Wochen alt war, hatte ich schon einige Prachtexemplare von Stacheln, die für uns so typisch sind. Instinktiv wusste ich auch bereits diesen Körperschmuck wirkungsvoll in Szene zu setzen. Wenn ich beispielsweise den Eindruck hatte, dass etwas für mich gefährlich sein könnte. So ganz ohne Lebenserfahrung hat man natürlich sehr oft das Gefühl, dass etwas gefährlich ist.

An diesem ersten Abend konnten wir uns noch nicht so richtig anfreunden. Trotzdem bekam ich zumindest etwas Fressbares. So etwas hatte ich zuvor noch nie geschmeckt – es waren Haferflocken mit Wasser – aber nach tagelangem Hungern hätte ich vermutlich alles hinunter bekommen.

Anschließend richteten sie für mich einen kleinen Karton mit ein paar Blättern zum Schlafen. An diesem Tag begann mein zweites Leben, obwohl mein erstes noch gar nicht lange währte.

Am nächsten Tag sollte ich wieder Haferflocken mit Wasser bekommen, aber mein Hunger war schon nicht mehr groß genug. Ich konnte das Zeug einfach nicht mehr fressen.

Die Menschen waren sehr besorgt um mich, weil sie mir offenbar nicht helfen konnten. Mir war klar, dass ich Hilfe brauchte und daher in engeren Kontakt mit diesen Menschen kommen musste. Gleichzeitig drückte mein Verhalten nicht gerade Dankbarkeit aus. Ich gab aber mein Bestes, mich möglichst weich und hilfsbedürftig zu geben, sodass sie mich schließlich anfassen konnten. Durch die lange Hungerphase war mein Bäuchlein ganz eingefallen und ich konnte meine Augen immer noch nicht offen halten.

Die Menschen gaben sich alle Mühe, mir zu helfen. Ich bekam Milch aus einer Einwegspritze mit Gummiaufsatz. Es war laktosereduzierte Katzenmilch, sodass ich kein Bauchweh bekommen sollte.

Sehr schnell waren wir ein eingespieltes Team. Ich liebte jede Mahlzeit und das anschließende Bauchstreicheln damit meine Verdauung in Gang kam. Als Babys haben wir nämlich noch nicht die Fähigkeit, diesen natürlichen Weg der Mahlzeit ohne fremde Hilfe durchlaufen zu lassen.

Auch mein neues Zuhause wurde erweitert. Es war ein riesiger Karton mit einem Durchschlupfloch zu einem kleinen Karton, den ich fortan ausschließlich zur Verrichtung bestimmter Geschäfte aufsuchte. Alles war mit Zeitungspapier ausgelegt. Eine eingewickelte Wärmflasche und zerknülltes Zeitungspapier sowie ein Handtuch machten mein Heim sehr gemütlich.

Trotz Wärmflasche war meine erste Nacht im neuen Quartier nicht sehr angenehm. Es wurde recht frisch und auch die Wärmflasche erfüllte nicht mehr ihren Zweck. Am nächsten Tag war ich stark unterkühlt und musste zwei Stunden zum Aufwärmen umher getragen und massiert werden. Ab diesem Tag wurde der Karton ins Treppenhaus gestellt, wo es immer durchgehend angenehm temperiert war.

Ich fühlte mich sehr wohl und wurde wieder kräftiger. Meine Nahrung wurde inzwischen um Rührei erweitert.

Wie sich das für Babys gehört, legte ich Wert auf Milch. So bekam ich also nicht nur Rührei mit Milch, sondern auch täglich ein paar Milliliter Milch zum Nuckeln aus der Spritze. Die Streicheleinheiten forderte ich gewohnheitsmäßig weiterhin ein, auch wenn das mit der Verdauung schon alleine klappte.

Vier- bis fünfmal täglich wurde ich anfänglich gefüttert und mein Haus wurde sauber gemacht. Ich nahm immer mehr zu, sodass ich nun auch frisches Hackfleisch zu schätzen wusste.

Nach etwa zwei Wochen gab ich mich mit drei Mahlzeiten am Tag zufrieden. Die Wärmflasche wurde schon lange nicht mehr mit warmem Wasser gefüllt, aber das Wasserbett-Feeling machte sie zu meinem Lieblingsort. Es war da ja auch immer ein für meine Verhältnisse riesiges Handtuch, in das ich mich verkriechen konnte.

Dann kam eine Phase, in der ich mich vernachlässigt fühlte. Ich bekam zwar mein Fressen – jetzt nur noch morgens und abends – aber die Streicheleinheiten waren sehr kurz, bisweilen blieben sie ganz aus. Überhaupt bekam ich fast niemanden mehr zu Gesicht.

Nach einer halben Woche sollte ich erfahren, warum sich keiner mehr um mich kümmerte: Es wurde ein Steinhaus mit Freigehege für mich gebaut, in das ich im Alter von sechs Wochen und mit einem stolzen Gewicht von über 250 Gramm umziehen durfte.

Es war richtig toll in meiner neuen Unterkunft. Ich hatte Laub und Heu für die Wohnungseinrichtung und Futter, das mir auch schmeckte. Anfangs musste ich einige Testfutterversuche über mich ergehen lassen, aber jetzt bekomme ich immer mein Lieblingsfutter: Auch Igel würden dieses Futter kaufen, aber es muss für kleine Katzen und aus dem Frischebeutel sein. Es schmeckt einfach besser als herkömmliches Dosenfutter. Das Igeltrockenfutter ist auch nicht schlecht, aber wenn keine Rosinen mehr drin sind, brauche ich ein etwas stärkeres Hungergefühl, bevor ich es dann fresse.

Nachdem das mit dem „Was“ für das Fressen geklärt war, stellte sich für mich die Frage, ob ich von nun an auch im Freien weiterhin so verwöhnt würde. Darum machte ich jeden Morgen, sobald ein Fenster am Haus geöffnet wurde lautstark auf mich aufmerksam, damit man mich auch auf keinen Fall vergessen sollte.

Ich stellte bald fest, dass die Fürsorge beibehalten wurde, sodass ich ruhiger wurde – vielleicht lag es ja auch einfach nur daran, dass ich etwas erwachsener wurde?!

Man beobachtete meine Aktivitäten mit großem Interesse und entsprechender Aufmerksamkeit. So wurden immer wieder neue Blätter ins Freigehege geschafft, sobald ich alle für die Vorkehrungen zum Winterschlaf verbaut hatte.

Eines Tages öffnete sich für mich das Tor zum „echten Leben“.
Es wurde ein zweiter Eingang zu meinem Steinbau freigelegt, sodass ich fortan auch im Garten hätte spazieren gehen können. Bisher sah ich jedoch noch keine Notwendigkeit, die nähere Umgebung selbstständig zu erforschen. Ich durfte ja meine Abendmahlzeit häufig in „Freiheit“ zu mir nehmen, danach gab es Bauchknuddeln und zum Schluss Freilauf im Garten unter Aufsicht. Das genügte mir bisher vollkommen.

Da ich mich im Alter von inzwischen elf Wochen und fast 800 Gramm nun allmählich auf den Winterschlaf vorbereite, bekommt mich jetzt keiner mehr zu sehen. Ich fresse auch nur noch alle zwei bis drei Tage, besser gesagt Nächte und ansonsten übe ich mich im Schlafen.

Wenn es dann so richtig Winter ist, dann bleibe ich einfach selig schlummernd in meinem Bau und warte auf den Frühling.

Somit verabschiede ich mich nun bis zum nächsten Jahr.

Vielleicht kann ich nach dem nächsten Sommer wieder etwas über mein bewegtes Igelleben erzählen.

 

Dezember 2003


 

Benjamin, der Igel

Ein Märchen 

Es war einmal ein Igel namens Benjamin, der hatte einen sehr traurigen Start in sein Leben. Zwei Wochen nachdem er das Licht der Welt erblickt hatte, wurde seine Mutter von einem Auto überfahren. Er und seine Geschwister warteten einige Tage im Nest darauf, dass sie wieder zurückkäme, bevor sich einer nach dem anderen auf den Weg in die unbekannte Welt machte. Seine drei Geschwisterchen hatten nicht viel Glück dabei, denn sie waren doch sehr klein und alles was sie fanden, konnten sie noch nicht fressen, sodass sie alle elend verhungern und verdursten mussten.

Nur Benjamin hatte Glück im Unglück. Er kullerte auf seiner Suche nach Nahrung von einer kleinen Mauer. Unten angekommen begegnete ihm eine Schnecke. Eigentlich fressen Igel leidenschaftlich gerne Schnecken, aber Benjamin war ja noch zu klein, die Schnecke war fast halb so groß wie er selbst. Als sie Benjamin so traurig daliegen sah, fragte sie ihn, was er denn hätte.

Benjamin schluchzte und erzählte, dass er seine Mutter und seine Geschwister verloren und ziemlich großen Hunger hätte. Die Schnecke stellte sich vor: „Da hast du aber richtig Glück, dass du mir begegnet bist. Ich bin nämlich eine Zauberschnecke und ich kann dir helfen.“ Benjamin versuchte seinen Kopf zu heben, um seinem Erstaunen Ausdruck zu verleihen, aber er war zu schwach. So fragte er nur „Wie kannst du kleine Schnecke mir denn helfen?“ Die Schnecke bewegte ihre Fühler, ruckte sich zurecht und sagte: „Du hast drei Wünsche frei und wenn du sie geschickt einsetzt, dann kannst du damit ganz schön weit kommen.“ In Benjamin kam etwas Leben: „Oh ja, ich wünsche mir etwas zu fressen und zu trinken und dann...“. „Halt, halt, nicht so schnell“, unterbrach ihn die Schnecke. „Ich habe dir noch etwas dazu zu sagen. Du musst die Wünsche nicht alle auf einmal aussprechen. Nun gut, das mit dem Hunger ist jetzt passiert, aber das ist ja vielleicht auch nicht ganz unwichtig.“ „Aber wann soll ich denn meine weiteren Wünsche sagen? Bleibst du jetzt immer bei mir?“ fragte der Igel verwundert. „Nein, natürlich nicht. Ich bin ja auch nicht lebensmüde – irgendwann würdest du mich schließlich doch noch fressen. Du vergisst aber, dass ich eine Zauberschnecke bin und deine Wünsche immer und überall verstehen kann“ antwortete die Schnecke. „Ach, so“ gab sich der Igel verständnisvoll, „aber wo ist denn jetzt das Fressen, das ich mir bereits gewünscht habe?“ „Etwas Geduld brauchst du schon, aber sei gewiss, noch heute Abend wirst du etwas zu fressen bekommen. Also mach es gut, Kleiner!“ verabschiedete sich die Schnecke. „Kleiner, die ist gut“, dachte Benjamin. Und weil ihn sowieso die Kraft fehlte etwas andere zu tun, blieb er einfach liegen.

Als es Abend wurde hörte Benjamin plötzlich Stimmen. Er dachte sofort wieder an seinen Hunger und schob sich ein bisschen mehr in die Richtung, aus der er die Stimmen vernahm. „Ach, guck mal, was ist denn das?“ hörte er eine Frau sagen. „Ein kleiner Igel.“ Stellte eine Männerstimme fest. „Ob der noch lebt?“ wollte die Frau wissen. „Natürlich!“ dachte Benjamin und versuchte sich zu bewegen, aber mehr als ein kleines Rucken kam dabei nicht heraus. „Ich habe Hunger!“ sagte Benjamin, aber die Menschen konnten ihn nicht verstehen. Es dauerte eine ganze Weile, bis sich ein dritter Mensch hinzugesellte. „Vielleicht hat er Hunger?“ hörte Benjamin ihn sagen. „Na, endlich!“ ging es in dem Igel um. „Aber was fressen Igel denn?“ „Mir ist alles recht“, sagte Benjamin, aber das konnte ja wieder niemand hören. Plötzlich wurde ihm ein Schälchen mit Haferflocken in Wasser vor die Schnauze gestellt. Benjamin stutzte. „Vielleicht ist mir ja doch nicht alles recht“, dachte er so bei sich, „aber in der Not...“ Er nahm sich ein Herz und probierte etwas von dem Fressen. Es war nicht gerade seine Lieblingsmahlzeit, aber die war im Wunsch auch nicht inbegriffen.

Die Menschen richteten ihm eine kleine Schachtel mit Laub und stellten die Haferflocken davor. Dann kam die Nacht. Es wurde ganz schön kalt und Benjamin war am nächsten Morgen steif wie ein Eiszapfen.

Er schleckte das Schälchen mit den Haferflocken leer und stellte dann fest, dass Fressen allein nicht ausreicht. Er brauchte ein wärmeres Zuhause, aber in seinem Alter wusste er noch nicht, wie man zu so etwas kommt. Da fiel ihm die Zauberschnecke ein und er wünschte sich als zweites ein schönes warmes Nest.

Er wartete den ganzen Tag. Nichts passierte. Benjamin dachte schon bei sich, dass die Zauberschnecke ihn vielleicht doch nicht immer und überall hören könnte, aber da kamen wieder die Menschen. Sie packten Benjamin, dass er fast zu Tode erschrocken wäre und setzten ihn in einen großen Karton, den sie mit ins Haus nahmen. Dort gab es Milch und ein kuscheliges Handtuch. „Danke, Zauberschnecke!“ seufzte Benjamin, schlabberte die Milch, schlüpfte unter das Handtuch und schlief ein.

So vergingen einige Wochen und Benjamin wurde immer größer und schwerer. Er war inzwischen auch umgezogen. Aus dem Karton ging es ins Freie, in eine Höhle mit Blättern und Stroh und statt Milch gab es Rührei, Hackfleisch, Katzenfutter und Wasser. 

Eigentlich war ja soweit alles in Ordnung. Benjamin fehlte es an nichts. Er fraß sich rund und fett, sodass er bestens gerüstet Winterschlaf halten konnte.

Nach fünf Monaten, als der inzwischen große Igel wieder erwachte, bekam er auch weiterhin sein Fressen und er schien glücklich. Doch irgendwie hatte er so eine innere Stimme in sich, die ihm sagte, dass er hinaus müsste, um die große weite Welt zu erkunden. „Hinaus...“ dachte Benjamin.

Die Höhle war ja ganz gemütlich, zu fressen gab es auch, aber irgendwie endete seine Welt in jede Richtung spätestens nach etwa einem Meter. Da fiel ihm wieder die Zauberschnecke ein und, dass er noch einen dritten Wunsch frei hätte. So wünschte er sich seine Freiheit.

Es dauerte nur wenige Tage, da wurde tatsächlich das Tor zur Welt geöffnet und er konnte völlig ungehindert in die große weite Welt hinaus. Einige Zeit kehrte Benjamin zum Schlafen immer wieder in die Höhle zurück, aber eines Tages war der Drang nach Freiheit größer als die Sehnsucht nach einem festen zu Hause und er machte sich auf in die Ferne.

Möglicherweise läuft er Dir irgendwann einmal über den Weg. Du kannst ihn daran erkennen, dass er keine Schnecken frisst, denn er hat sich geschworen, aus Dankbarkeit gegenüber der Zauberschnecke nie eine Schnecke auch nur abzuschlecken.

 

Dezember 2004

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